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Der nachstehende Bericht erschien in
der Zeitschrift "Österreichs
Kanusport" 1/2 1980
In
den Schluchten Südjugoslawiens
1.
Juli 1979, 21.30 Uhr, am Zeltplatz beim Moracakloster in Montenegro treffen in
finsterer Nacht zwei PKW's, einer mit Kajakanhänger, ein. Fünf zermürbte
Gestalten kriechen heraus und beginnen mit dem Zeltaufbau. Nach
zwanzig-stündiger Reise von fast 1100 km haben wir unser Ziel erreicht und
freuen uns auf den nächsten Morgen, der erst zeigen wird, wie diese gewaltigen
Felsschluchten bei Tageslicht aussehen.
Doch zuerst ein Blick zurück, wie es zu dieser Reise kam: Während eines
vierzehntägigen WW-Urlaubes in Tirol im verregneten Sommer 1978 auf kalten
Gletscherflüssen keimte in uns der Traum vom sonnigen Süden und warmen Wasser.
Zur Diskussion standen Frankreich, Norditalien und Südjugoslawien. Ersteres war
uns zu teuer, zweites zu nördlich, also fiel die die Wahl (mit 4:1 Stimmen) für
die Schluchten Montenegros, allen voran die legendäre Tara. An
WW-Führern hatte ich nur von der Moraca und vom Vrbas detaillierte
(Alpinismus-Matz) Angaben, sonst verließ ich mich auf vereinzelte Hinweise.
Ungewohnt war für mich auch das Fehlen großmaßstäblicher topographischer Karten,
die alten k. u. k. 200.000er sind kaum zu brauchen, am besten war noch der Auto
Atlas Jugoslavija 1:500.000.
Eine neue, gute Straßenkarte ist von großer Bedeutung, da in unserem Fall die
verkehrstechnischen Probleme die WW-technischen weit übersteigen sollten. Recht
interessant war auch der Reiseführer „Montenegro" sowie andere ausführliche
Broschüren der jugoslawischen Werbung. Folgende Flüsse waren geplant: Moraca,
Tara, Neretva, Vrbas und Una, wobei mir vor allem der Autotransport bei der 50
km langen Taraschlucht Sorgen machte, ich hoffte jedoch auf glückliche Umstände
an Ort und Stelle (z. B. andere Paddler, Busverbindungen, neue Straßen).
Das
Abenteuer begann (wegen des Ferienbeginns) in der Nacht von Samstag auf Sonntag
um 1.30 Uhr. Zwischen 4 Uhr und 10 Uhr wurde Ungarn zügig überrollt, die
Grenzübergänge Klingenbach und Kelebia bereiteten keine Probleme. Nach über 600
km Reise durchs Tiefland überschritten wir wie seinerzeit der „grausame Prinz
Eugen“ (jug. Prospekt!) bei Novi Sad das dritte Mal die Donau.
Die
weitere Route führte über Valjevo, Titovo Uzice nach Mojkovac an der Tara. Der
Umweg über Belgrad und Cacak dürfte aber vorzuziehen sein, da wir zwischen
Valjevo und Kosjeric einen Vorgeschmack auf südliche Schlaglochpisten bekamen.
Unser neu konstruierter Anhänger war davon schwer erschüttert und schmiss gleich
einige Schrauben weg. Wir kamen jedoch schon bei interessanten Flusslandschaften
vorbei und mussten leider auch schon eine starke Verbauung und im Falle des Lim,
totale Verschmutzung, feststellen.
Um
20:30 Uhr erreichten wir bei leichtem Regen Mojkovac, wo wir einen Campingplatz
vermuteten, jedoch war weder hier noch in Kolasin in der Dunkelheit einer zu
finden. Verbittert beschlossen wir, doch noch über den nächsten Pass ins
Moracatal zu fahren, wo wir einen sicheren Zeltplatz wussten. Diese Fahrt vom
1200 m hohen Pass hinunter, wo irgendwo tief unten die Moraca in einer der
größten Schluchten Europas brausen sollte, wird mir unvergesslich bleiben. Dass
es inzwischen wieder sternklar und wärmer war, wurde von den meisten nur mehr
müde wahrgenommen.
Montag, 2. Juli: Die Sonne scheint, das Rauschen in der Nacht stammt von einem
kleinen Bach, der tief dort hinunterstürzt, von wo die MORACA glasklar herauf
leuchtet.
Auf
guter Straße wird ein Auto 33 km flussab abgestellt, nachdem unsere Fahrer kein
Ende des Canons und damit keine günstige Ausstiegsstelle finden konnten (wäre
wohl noch etwas weiter gewesen).
Vom
Zeltplatz stiegen wir einen Weg zur alten Mönchsbrücke hinunter, um erstmals,
1100 km von Gars entfernt, unsere Kajaks zu Wasser zu setzen. Anfangs erinnerte
mich der Fluss an unsere Erlauf, leider auch in der Temperatur, für den
folgenden Riesencanon fehlen mir allerdings die Vergleiche. Die Wasserführung
war recht günstig, ca. 10-15 m³/s, Pegel vor Mrtvica-Mündung und Pegel bei km 22
(Matz) beide 50 cm. Drei Stellen unterbrechen den sonst leichten Fluss, sie
können von der Straße, die allerdings hundert Meter höher in den Fels gesprengt
ist, eingesehen werden. Bei km 11 ein kurzer, rassiger Abfall, V-, dessen
Umtragung problematisch wäre, bei km 21 eine angeblich unfahrbare 20 m lange
Stelle, die aber sicher zu bewältigen wäre, sowie 3 km (!) später die „Floßgasse
WW VI", etwa 50 m lang, bei diesem Wasserstand kaum Verblockung aber gewaltige
Wucht. Der endlose Konglomeratcanon mit herrlichen Rastplätzen bildete den
Abschluss dieser fantastischen, abwechslungsreichen Fahrt. (km ab Einsatzstelle).
Der
nächste Tag war wieder ernüchternd. Es regnete in Strömen und wir wussten
während der Anfahrt zur Tara noch nicht, wie wir das Autoproblem lösen sollten,
wir hatten uns ja noch mit niemanden verständigen können!
Nachdem wir die geplante Einsatzstelle vor der Teufelsschlucht auch noch
übersehen hatten, fuhren wir die 30 Kilometer bis zur großen Tarabrücke weiter,
um dort Kriegsrat zu halten. Von hier wollten wir eigentlich nur 50 km mit den
Booten bis Scepan Polje zur Taramündung fahren, der Autotransport dorthin war
aber bei diesen Straßenverhältnissen vollkommen unrationell. Daher einigten wir
uns mit gemischten Gefühlen, doch in der Taraschlucht zu biwakieren und dann bis
Foca auf der Drina weiterzufahren. Den heutigen Tag wollten wir für das
Auto-Umstellen benutzen.Für
die zweimal 140 km lange Strecke Tarabrücke, Gorazde, Foca (75 km am Fluss)
hofften wir 5 Stunden zu brauchen, sodass wir um 16 Uhr wieder zurück wären -
welch einfältige Illusion, es sollte viel später werden. Den Anhänger stellten
wir am Parkplatz ab. Die Straße bis Plevlja ist bereits fast fertig asphaltiert,
in jenem gottverlassenen, aber hochindustrialisiertem Türkennest fanden wir den
Weiterweg zunächst gar nicht. Die nächsten 70 km wurden eine Reise durchs
Mittelalter - 2 Minuten benötigten wir von einem Km-Stein zum nächsten:
Zigeuner, Ochsenkarren mit speichenlosen Holzrädern und Reitpferde bevölkerten
diese hügelige Hochlandschaft. Als Fremdkörper wirkten die vielen
Autobusstationen, die uns bereits an dem Sinn unserer Rundfahrt zweifeln ließen.
Von Cajnice bis Gorazde gings dann auf Asphalt die Drina aufwärts; sie machte
auf uns keinen guten Eindruck, braun und breit, ohne sichtbare Schwierigkeiten.
Kurz vor Foca fehlte auf einmal unser zweites Auto. Nach längerem Warten
wendeten wir und fanden es in der letzten Ortschaft mit gerissenem
Kupplungsseil! Durch geschickte Improvisationen einiger hilfsbereiter
Dorfmechaniker - die nächste VW-Werkstatt ist in Sarajevo - konnten wir die
Fahrt nach Stunden fortsetzen. In Foca stellten wir den VW ab und räumten das
Gepäck um. Nachdem mir vor der selben Strecke zur Rückfahrt grauste, erkundigte
ich mich über den Straßenzustand der Südroute über Niksic, im Autoatlas teils
rot teils gelb, aber sehr dick eingezeichnet.
„Alles
Asphalt", lautete die scheinbar gut informierte Auskunft, also beschlossen wir,
den Umweg von 80 km gegen-über der Nordroute zu wählen, zumal ich noch geringe
Hoffnung auf eine eingezeichnete Abkürzung nach Savnik hatte. 10 km währte die
Freude, dann gings Forstweg-artig bis zur Taramündung. Ein Gedränge mit einem
entgegenkommenden Autobus wurde dadurch gelöst, dass der Bus beim Ausweichen mit
einem Rad über den Abgrund fuhr! Die nächsten 35 km km fuhren wir auf einer kühn
in den Fels gesprengten Asphaltstraße den neuen riesigen Pliva-Stausee entlang.
Welch gigantische Schlucht muss hier ersoffen sein! Beim Pliva-Kloster endete
der Asphalt, und wir quälten uns bei einbrechender Dunkelheit über jenen
Untergrund, der im Autoatlas gelb ausgewiesen wird, auf österreichischen Karten
wäre die Bezeichnung Fahrweg schon übertrieben! Nachdem keine Abkürzung zu
finden war (wäre auch höchst problematisch gewesen, wenn der Zustand der
Hauptstraße schon an der Grenze der Fahrbarkeit liegt), kamen wir erschöpft nach
Niksic, von wo wir auf neu asphaltierter Straße noch bis Savnik weiter fuhren.
Bei aufziehendem Gewitter beschlossen wir, im Hotel zu übernachten. Es war jetzt
Dienstag, 23 Uhr, am Freitag sollten wir unseren Freund Toni in Jaice treffen!
Diese Hoffnung war schon sehr schwach. Im Laufe der Fahrt war uns übrigens
eingefallen, dass wir ein Zelt und mehrere wasserdichte Säcke im VW in Foca
vergessen hatten, na dann - Gute Nacht!
Am
nächsten Morgen besichtigte ich die Bukovica, die von Savnik durch einsame
Schluchten in den großen Pliva Stausee fließt, ein interessanter Fluss, der aber
möglicherweise auch schon verbaut ist. Die weitere Rückreise führte uns auf
schon selbstverständlich schlechten Wegen über hohe Almregionen (1400 m) vorbei
am schneebedeckten, 2500 m hohen Durmitor. Bei einer Straßengabelung entschieden
wir uns für die Abkürzung rechts, in der Meinung, schlechter ginge es nicht
mehr, nach 500 m wussten wir, was weiße Straßen sind! Zwischen riesigen Lacken
tauchte die Straße nur inselartig auf, schließlich fehlte gar eine kleine
Brücke, Reifenspuren links und rechts in den Wiesen zeigten die örtlichen
Gepflogenheiten, ohne Passagiere kämpfte sich unser Ascona ganz gut durch alle
Schikanen. Auf gut asphaltierter Straße gings dann hinunter in die Taraschlucht,
wo wir um 11 Uhr unseren Anhänger wieder sahen. Schon aus der Ferne wirkte er
irgendwie befremdlich, dann sahen wir die ganze Bescherung, offensichtlich hatte
ein Lastwagen beim Reversieren Deichsel und Kupplung überrollt. Glücklicherweise
passte die Kupplung trotzdem noch, die Deichsel hatte außer einer elegant
geschwungenen Linienführung ebenfalls nichts abgekriegt!
Bei
Sonnenschein wieder voller Tatendrang beschlossen wir vor der Teufelsschlucht
einzusetzen. In der Ansiedlung Bistrica stellten wir das Auto ab und stopften
Schlafsäcke, trockene Kleider und Proviant in die ohnedies extrem schweren
Wildwasserboote. Nach kurzem Abstieg setzten wir in einen starken Karstbach ein
und erreichten nach 500 m problemlos die TARA. Die Tara präsentierte sich
leuchtend grün, leider ebenfalls kühl, Wasserführung ca. 20 m³/s. Der Oberlauf
ab Kolasin wirkte vom Auto aus nicht sehr interessant, ab Mojkovac reine
Wanderstrecke.
Von
unserer Einsatzstelle konnte es nicht mehr weit sein bis zur Teufelsschlucht,
über deren Charakter wir wenig wussten, von der Straße sieht man den Fluss nur
zeitweilig. Schon nach 500 m zeigte die Tara ihre Kraft mit ein paar wuchtigen
Schwällen (III), wobei bereits das Gewicht unserer Boote zu spüren war. Gleich
darauf standen wir vor dem Eingangsabfall, ein 1 bis 2 Meter hoher Absturz mit
konzentrierter Wucht, der, obwohl sicher fahrbar, rechts leicht überhoben wurde.
Die folgende Linkskurve erinnerte an die obere Ötz, etwa V-, doch dann begann
die eigentliche Klamm erst richtig. Mit einer gewaltigen Schrägwalze stürzt der
Fluss in die 500 m lange Klamm, deren linke Felswand überhängend und unterspült
ist. Wir umtrugen rechtsufrig etwa 200 m bis zur Mitte der Klamm, mit ca. 35 kg
auf der Schulter eine schweißtreibende Sache, obwohl es inzwischen wieder zu
regnen begonnen hatte. Technisch einfach ging es zum Ausgang dieser
beeindruckenden Klamm, einem kleinen Felstor, das von einem hausgroßen Felsen,
welcher in die Schlucht gestürzt ist, gebildet wird (III+).
Mit
Erstaunen stellten wir fest, dass uns die kaum 1 km lange Teufelsschlucht über 1
Stunde beansprucht hatte. Dafür benötigten wir für die nächsten 28 km bis zur
Tarabrücke nur zweieinhalb Stunden. Diese Strecke ist sowohl landschaftlich als
auch technisch interessant, immer wieder bringen verblockte Passagen (bis WW IV)
Abwechslung in die Fahrt. Unter der riesigen Tarabrücke überraschte uns eine
wuchtige Schwallstrecke, leider ein Einzelgänger. Erst 40 km weiter wurde es
wieder interessant. Die folgende, auf 50 km völlig einsame Strecke wirkte
enttäuschend auf uns, von „Schlucht" keine Rede, eher ein steiles, sehr tiefes
Waldtal, allerdings mit fast durchwegs steilen Ufern, oft ähnlich der Salza, nur
etwas größerer Maßstab. Regen, Kälte und inzwischen trübes Wasser vermieste uns
die Schönheiten der Fahrt, zumal technisch nichts los war. Faszinierend waren
die zahllosen Karstquellen, die aus Felsspalten schleierartig in den Fluss
stürzten, so erklärt sich auch die Tatsache, dass die Tara ohne richtigen
Nebenfluss ihre Wassermenge mindestens verdreifacht bis zur Mündung. Unsere
minimale Zeltausrüstung veranlasste uns, einen regengeschützten Biwakplatz zu
suchen, und tatsächlich fanden wir einen riesigen Überhang, unter dem wir uns
für eine feuchtkalte Nacht einrichteten. Unsere Mannschaft, bestehend aus
Forstwirtschaft-Studenten, Pfadfindern und sonstigen Pyromanen, schaffte es
tatsächlich, ein ordentliches Lagerfeuer zu entfachen, Proviant hatten wir
reichlich mit, Wasser tropfte aus dem Felsen, nur Bierquellen fehlten noch!
Während wir beim Feuer unsere Sachen zu trocknen versuchten, bekamen wir
unliebsamen Besuch, ein kleiner Skorpion krabbelte zu den Flammen! Nachdem ihn
alle bestaunt hatten, verhalfen wir ihm auf dem schnellsten Wege dorthin. Etwas
unheimlich war es nun den im Freien Schlafenden schon, zumal es ja auch
Schlangen und Bären geben sollte. Unter den vielen Schlangenarten Europas gibt
es aber nur einige giftige (Ottern), deren Biss auch nur selten tödlich ist
(Lit: „Die Schlangen Österreichs"). Zu sehen bekam ich keine einzige; auch
meinen Bärentöter, ein gewaltiges Tauchermesser, verwendete ich ausschließlich
zum Baumfällen (zu Alpinismus S. 658/79: besser als kleine Axt auch für
Rettungsversuche geeignet).
„Morgenstund
ist aller Laster Anfang“ - fluchend krochen wir in die feuchten Neoprenanzüge
und stopften die Boote. Das Wetter ließ wieder stark zu wünschen übrig.
Es
gelang mir auf den nächsten 20 km alle Wellen zu überlisten, die meine Gänsehaut
zu belästigen drohten (den Gebrauch der Neoprenjacke verweigerte ich mir im
sonnigen Süden stur). Schlagartig änderte sich die Situation auf den letzten 10
km bis zur Mündung. Es folgte nun ein Vollbad nach dem anderen, längere, schwach
verblockte Schwallstrecken mit mehreren Bären, die auch in der Imsterschlucht
nicht zu den kleinen zählen würden! (IV-)
Ob
die langen Tarafloße hier problemlos durchkommen? Eine Hetz muss eine solche
organisierte Floßfahrt schon sein (regelmäßige Termine, Auskunft in Foca). Pegel
waren auf der Tara zahlreich zu finden: vor der großen Brücke links 80 cm, unter
der Brücke bei der Mündung links 110 cm (ca. 60 m³/s), dieser Wasserstand dürfte
recht recht gut gewesen sein, allerdings waren Hochwasserspuren noch 4 m höher
festzustellen. Die restlichen 25 km auf der Drina bis Foca waren, von einigen
Wellen abgesehen, ziemlich wanderflussmäßig, die letzten 5 km schon leicht
verschmutzt (ab Foca durch Cehotina graubraun), Gegen Mittag erreichten wir Foca
und fanden zur allgemeinen Überraschung den VW noch auf seinem Platz. Für die
105 km lange Strecke hatten wir nur 10 Stunden benötigt, was auf die hohe
Strömungsgeschwindigkeit und das kalte Wetter (wenig Pausen) zurückzuführen ist.
Dafür mussten wir jetzt die Boote 8 Stunden vor neugierigen Kindern bewachen,
während unsere beiden Autofahrer noch als Draufgabe 280 km zurücklegten, um den
Ascona zu holen. In Foca stellten wir fest, dass unser Transportproblem von hier
weitaus vernünftiger zu lösen gewesen wäre, da man hier bereits Spuren (!)
mitteleuropäischer Zivilisation finden konnte. Regelmäßige Busverbindungen auf
allen Straßen oder LKW-Charter stellen trotz größerer Sprachschwierigkeiten zwei
Möglichkeiten dar.
Foca ist eine schöne Stadt mit vielen orientalischen Sehenswürdigkeiten, aber
leider wenig Übernachtungsmöglichkeiten. Nach komplizierten Verhandlungen fanden
wir ein Privatquartier, wo wir uns wieder einmal ziemlich erschöpft zur Ruhe
begaben. Das Abenteuer Tara war zu Ende.
Freitag morgens brachen wir auf, um über Sarajevo bis Jaice am Vrbas zu reisen.
Die Straße Brod - Dobropolje wurde vor kurzem ausgebaut, sie führt das Tal der
Bistrica entlang, ein Wildbach mit mehreren hochinteressanten bis unfahrbaren
Ab- und Durchbrüchen. Im Oberlauf kann man ein interessantes Phänomen bewundern:
Parallel zum Straßentunnel durchbricht der Bach den Poljenrand in einem
ebensolchen. 50 m langen Tunnel, vielleicht bei HW fahrbar. Auch der
Bosna-Quellfluß Zeljeznica hat einige nette Abschnitte, die Bosna selbst wirkte
wenig anziehend. Durch die interessante Türkenstadt Travnik gelangten wir ins
Tal des VRBAS bei Donji Vakuf, von wo die Befahrung lohnend sein soll
(Alpinismus 9/77). Auf der 8 km langen WW-IV-Strecke sahen wir jedoch auf mehr
als 4 km keine Schwierigkeiten, auch wirkte das braune Wasser kaum verlockend,
sodass wir dieses in der Beschreibung vielversprechende Projekt fallen ließen
(die Una hatten wir bereits wegen weiter Zahmwasserstrecken und ungünstiger
Verkehrsverhältnisse aus dem Programm gestrichen). Auf dem Zeltplatz bei Jaice
wartete bereits Toni, der mit Gerhard, einem Wiener Rennfahrer, in der Nacht
angereist war.
Bei
einer wüsten Völlerei in mehreren Restaurants und Konditoreien - wir hatten ja
einiges nachzuholen - besprachen wir die weiteren Pläne. Der untere Vrbas hatte
auf Toni, der über Banja Luka angereist war, ebenfalls keinen guten Eindruck
gemacht, von der geplanten Neretva hatten wir von zwei Kraftwerksbauten
erfahren, vom Oberlauf wussten wir nur von mysteriösen Hinweisen auf Militär,
Schluchten, Bäume und Hochwasser. Wir einigten uns mit gemischten Gefühlen auf
Vrbas, obere Neretva und einen anschließenden Abstecher zum Meer. Meine Position
als Fahrtenleiter war stark im Kreuzfeuer der Kritik, da sich alle von diesem
Urlaub Wildwasser und Sonne erwartet hatten, beides entsprach nicht den
Hoffnungen.
Beim Kraftwerksauslass 15 km flussabwärts von Jaice setzten wir in den VRBAS
ein, der hier grünlich-trüb mit etwa 30 bis 40 m³/s herausströmt. Nach
anfänglich schönen Schwällen mussten wir feststellen, dass wir auf einem aus
gesprochenem Wanderfluss unterwegs waren. Die herrliche Landschaft - tiefe
Felsschluchten aus weißem Karst - sowie gutes Wetter konnten leider meine
Kritiker nicht beeindrucken. Im Regattatempo paddelten wir dahin, bis bei der
Ruine Bocagrad sich mit einem Rückstau ein unbekanntes Hindernis ankündigte.
Hinter der nächsten Kurve wurden die schlimmsten Befürchtungen wahr: Vor uns
ragte eine Staumauer in die Höhe, rechts floss das ganze Wasser in einen Tunnel.
Die neue Straße führte 200 m hoch über der Schlucht, ein Betreten der Baustelle,
die das enge Tal abriegelte, schien uns ziemlich riskant. Zur allgemeinen
Überraschung deuteten uns die Arbeiter jedoch durchzugehen. 200 m unterhalb
konnten wir die Fahrt fortsetzen, die jetzt durch ein ein breites Talbecken
führte. An dessen Ende dürfte ein zweites Kraftwerksprojekt im Entstehen sein,
sodass eine Befahrung in Zukunft kaum mehr möglich sein wird. Bald darauf folgt
der „Bijeli Buk", ein imposanter Schwall, der von Matz mit V- eingestuft wird,
was etwas übertrieben sein dürfte, zumal die 20 m lange Stelle keinerlei
Hindernisse enthält. Nach dem Canon Tijesno, in dem wir maximal 1 km
nennenswertes Wildwasser vorfanden, beendeten wir die Fahrt und kehrten nach
Jaice zurück. Der Pegel linksufrig am Ende des Canon zeigte 68 cm; die 45 km
lange Strecke hatten wir in 4 Stunden „durchgeschaufelt", sodass noch reichlich
Zeit für lukullische Genüsse blieb, bei denen sich die gekränkten
Wildwasserseelen beruhigten.
Sonntag früh reisten wir den Vrbas aufwärts, über einen neu ausgebauten,
interessanten Pass ins Tal der NERETVA. Den
riesigen Jablanica-Stausee entlang fuhren wir bis Konjic, wo wir 2 km
flussaufwärts (wegen „unfahrbaren“ Zahmwassers, was wir noch bereuen sollten)
ein Auto abstellten. Weit weg vom geheimnisvollen Flusslauf führt die Straße bis
zum Boracko-See, von dort auf schlechtem Fahrweg wieder runter zum Fluss. Eine
neue Trasse dürfte bald fertig sein. Etwas unterhalb von Glavaticevo setzten wir
ein, nachdem wir von der Straße aus bereits eine Ahnung kommender Schluchten
bekommen hatten. Noch floss die Neretva breit und ruhig dahin (Wassermenge 20
bis 30 m²/s), doch schon nach 2 km verlangte ein durch Straßenbauarbeiten
entstandener Absturz Sorgfalt (IV-). Bald darauf stürzte der Fluss wuchtig (IV-)
in den ersten Canon, in den wir mit mulmigen Gefühlen hinein rauschten. Ein
hoher Wasserfall von überhängenden erhängenden Wänden schuf ein phantastisches
Bild, das selbst einen verwöhnten Paddler staunen lässt. Nach 300 m erreichten
wir den Ausgang, eine enge, aber problemlose Gasse. Die nächsten ca. 10 km waren
leichtes Wildwasser, dann glitten wir in den 2. Canon, dessen Länge diesmal 2 km
betragen sollte.
Mitten drin, zwischen senkrechten Felswänden, lenkte der Fluss die volle
Aufmerksamkeit auf sich. Bei stärkerem Gefälle ließ eine erhebliche Verblockung
gerade noch die Route erkennen. Mit IV+ kann man diese 1 km lange Strecke
nüchtern einstufen, durch die gewaltige Umrahmung gewinnt sie jedoch noch
einiges an Abenteuerlichkeit. Auch nach der Schlucht präsentierte uns der
ansonsten leichte Fluss noch einige interessante IVer Stellen. Zwischen 2 Stegen
fand ich rechtsufrig 2 Pegel, der erste zeigte 62 cm, der zweite 0,00 m. Beide
Ufer dürften militärisches Sperrgebiet sein, Schwierigkeiten hatten wir
allerdings erst beim Ausbooten, wo uns ein Soldat den Aufenthalt verwehren
wollte. Da wir aber auf das andere Auto warten mussten, waren wir in einer
verzwickten Lage. Mir
fielen die Warnungen von Herrn Matz im Paddelsport Nr. 3, 4/78 ein, der damals
größere Schwierigkeiten mit dem Militär an diesem Fluss hatte. Wir wurden
glücklicherweise von unserem Soldaten, nachdem er die Zwecklosigkeit seiner
Befehle erkannt hatte, nur sorgsam bewacht, wobei er eine genaue Skizze vom
Tatort anfertigte. Erleichtert atmeten wir auf, als unsere Autofahrer nach
eineinhalb Stunden kamen und wir unseren Urlaub in Freiheit fortsetzen konnten.
Ausbooten daher erst 2 km weiter in Konjic! Trotzdem zählte diese Fahrt zu den
schönsten, denn keiner hatte geahnt, welch überwältigende Schluchten diese 22 km
lange Flussstrecke verbirgt! [Anm. 2026: Hier war der streng geheime
Atomschutzbunker von Marschall Tito, Glück gehabt!].
Bei
der Weiterreise nach Mostar, wo wir den Tag mit einem Stadtbummel beendeten,
mussten wir tatsächlich feststellen, dass zwei Kraftwerksbauten im
eindrucksvollen Neretvatal schon im Endstadium waren (9 bzw. 35 km ober Mostar).
Die Verbetonierung einmaliger Flusslandschaften hat in Jugoslawien schon
erschreckende Ausmaße angenommen! Wir Paddler sollten bei uns in Österreich
angesichts der ungünstigen Lage nach dem Atomdebakel nicht so tatenlos dastehen,
sondern wenigstens auf unsere ernsten (!) Probleme aufmerksam machen!
Auf
der Insel Hvar verbrachten wir noch zwei gemütliche Tage inmitten von
internationalem Touristenrummel, dann brachen wir zur Heimreise auf. In Bihac
zelteten wir auf dem bekannten Paddlerzeltplatz auf der Unainsel, wo uns vor
allem ein extrem preisgünstiges Restaurant beeindruckte. Die Una selbst hat,
laut Aussagen verschiedener Kameraden, bloß auf 2 km nennenswertes Wildwasser
unterhalb des beeindruckenden Strbacki Buk-Wasserfalles, weite Strecken sind
ausgesprochen flach. Bei der Weiterreise wollten wir noch die Korana befahren,
da sie auf unserer Route lag: sie soll für ihre Karststufen berühmt sein, leider
hatte sie zu wenig Wasser. Ebenso erging es uns bei der Savinja, ein herrlicher
Wildbach in den Steiner Alpen, sodass wir noch am selben Tag (12. 7.1979) heim
reisten.
Es
gibt in Jugoslawien sicher noch einiges zu fahren, ein aktueller
Wildwasserführer wäre interessant, leider scheint es aber, als ob die Verbauung
und Verschmutzung der Flüsse größere Fortschritte mache als die
verkehrstechnische Erschließung derselben.
Zur
Beurteilung meiner Bewertungen noch einige heimische Flüsse zum Vergleich: Salza
III, Imster Schlucht (200 cm) IV-, Untere Ötz (110 cm) IV+, Sanna (140 cm) und
Koppentraun (Bhf. Aussee 85-125 cm) III bis V, Obere Ötz (90 cm) IV bis V.
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| Moraca Schlüsselstelle |
Tara Teufelsschlucht |
Vrbas Bijeli Buk |
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