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Der nachstehende Bericht erschien in
der Zeitschrift "Österreichs
Kanusport" April-Mai-Juni 1982
Wildwasser im Waldviertler Winter
Ein kräftiger Tauwettereinbruch hat das Neue Jahr 1982 eröffnet, warmer Regen
auf die reichlichen Schneemengen lässt das Wasser rasch steigen. Man kann doch
solche Fluten nicht ungenützt ziehen lassen, also heraus aus dem Winterschlaf!
Sechs Garser Paddler folgen dem Weckruf, und bei strahlender Sonne und plus 8
Grad geht es geht es auf zum Purzelkamp.
Etwas oberhalb von
Waldhausen laden wir die Boote ab, dann muss noch ein Auto zur geplanten
Ausstiegstelle bei der Purzelkampbrücke am Ottensteiner Stausee gestellt werden.
Ein flüchtiger Blick von der hohen Brücke, der See scheint eisfrei zu sein.
Zurück beim Startplatz klettern wir in die Boote und rutschen über die noch
schneebedeckte Böschung ins Wasser. Der nur 5 m breite Bach wird durch die 6
Boote fast verklaust, doch dann geht es ab in Indianerreihe.
Schon nach einem
knappen Kilometer ist eine Blockstelle noch eisbedeckt und muss umtragen werden.
Der schneebedeckte Fels fordert zu einem genussvollen fliegenden Start in den
schmalen Gumpen auf (siehe Bild). Nach der Loschmühle rauscht der Bach
gefällstark (20 Promille) in eine urwaldähnliche Waldschlucht. Ohne besondere
Schwierigkeiten und Hindernisse (WW II) paddeln wird durch das einsame Tal, nur
ein paar Mühlen bzw. das größte Sägewerk Niederösterreichs erinnern daran in
Mitteleuropa unterwegs zu sein. Der Pegel in Werschenschlag (1 km nach der
Straßenbrücke Rastenberg) zeigt 172 cm, 180 cm wären zu empfehlen, um die Boote
zu schonen und zügigen Wellenspaß erleben zu können. Die letzten 2 km sind durch
den Wechsel vom Gneis in den Granit besonders schön, leider liegen 4 km bis zur
alten Mündung in den Kamp unter den Wassermassen des Ottensteiner Stausees
begraben. Für 1992 ist sogar ein weiterer Ausbau des Purzelkamp geplant, möge
ein allgemeines Umdenken dies verhindern!
Kurz vor dem Staubeginn treten
Probleme auf: Der Bach ist mit Eisschollen völlig verrammelt. Wir schleppen die
Boote mühsam am Ufer entlang, unsere beiden wackeren Damen beginnen mach
dreistündiger Fahrt erste Ermüdungserscheinungen zu zeigen. Das Wehr der
Schöpfermühle hat den Eisstau verursacht, unterhalb setzen wir wieder ein, um
aber 100 m weiter deprimiert feststellen zu müssen, dass der hier beginnende
Stausee völlig zugefroren ist. Ein Aufstieg nach Rastenfeld erscheint zu mühsam,
das Ufer ist ungangbar, daher beschließen wir mit den Booten im Schlepp am Eis
weiterzuwandern. Irgendwo muss ja wieder freies Wasser kommen, außerdem sind es
nur noch 3 km. Obwohl ich nicht glaube, dass es noch solche Verrückte gibt, muss
ich doch gleich vor einer Nachahmung abraten: Das Eis wurde nämlich sehr
allmählich immer dünner. Kurz gesagt: 500 m vor dem Ziel ging ich als
„Vorkoster" kurz auf Tauchstation. Obzwar ich blitzartig ins Boot kletterte,
gestaltete sich das weitere Vorwärtskommen durch das dünne Eis doch noch sehr
mühsam. Das leicht überronnene Eis hatte uns Stunden zuvor das trügerische Bild
einer freien Wasserfläche vorgegaukelt. Erst bei Einbruch der Dunkelheit konnte
ich mit meinem „Eisbrecher" die geplante Ausstiegsstelle erreichen,die anderen
kämpften sich inzwischen am Landweg vorwärts.
Altes Sprichwort: „Wenn dem
Esel zu wohl wird…“. Im Frühjahr, bei gutem Hochwasser (leider selten), kann
diese 18 km lange Fahrt aber jedem empfohlen werden.
Am folgenden
Feiertag, Heilige Drei Könige, konnten wir das Maximum der abziehenden Warmluft
noch einmal nützen, während in Westösterreich bereits Schneestürme tobten. Wir
einigten uns auf die Große Krems, die wir von Brauhaus weg
schon mehrmals befahren hatten (Kanusport 5/6 1979). Zwei Vereinsmitglieder
hatten vor Jahren sogar schon bei Großreinprechts eingesetzt, und Hans Molcik
schrieb im „Öst. Paddelsport 4/1965“ bereits von einer Befahrung der Großen
Krems und meinte, sie müsste schon ab Armschlag fahrbar sein. Diesen Punkt
hatten auch wir seit Jahren als höchstmögliche Einsatzstelle im Auge; als
Langläufer führte mich der Weg von Gars nach Gutenbrunn oft genug dort vorbei.
Ein kalter Wind pfeift hier oben in 730 m Seehöhe, als wir in das 4 m breite
Bachbett rutschen. 30 km und ein Höhenunterschied von 330 m liegen vor uns,
davon 20 km unbekannt, keine Straße führt am Bach entlang. Die ersten 2 km bis
zur Rabenhofer Säge sind noch sehr eng, zum Teil verwachsen, mehrmals müssen wir
querliegende Bäume umheben. Prompt nimmt einer auch schon das erste (sehr
erfrischende) Bad der Saison, als er einen niedrigen Steg übersieht.
Anschließend wird das Bachbett rasch größer, der sehr hohe Wasserstand erlaubt
ein zügiges Tempo. Kurz vor Grafemühle überrascht uns ein Katarakt, der durchaus
WW IV-Qualität besitzt. Gerhard überträgt, Mike und ich bezwingen die
verblockte, wuchtige Stufe. Die Folgestrecke führt uns stets abwechslungsreich
auf schnellem Wildwasser (WW II) durch dichten Nadelwald und kleine Wiesen. Ein
Zwischenfall bei einer neuen Wehranlage mahnt zur Vorsicht: Das rücklaufende
Wasser ist durch irgendeinen Einbau im Unterwasser so kräftig, dass mein Boot
zurückgezogen wird. Ich ziehe mich, breit in der Walze liegend, vorsichtig in
Ufernähe, wo mich Mike an der Kenterschlaufe herauszieht und so vor einem sehr
kühlen Bad bewahrt. Ab Großreinprechts steigt das Gefälle auf etwa 18 Promille,
eine um diese Jahreszeit spürbare Wasserschlacht beginnt; immer wieder schlagen
die eisigen Wellen ins Gesicht (analog den Karateschlägen: „goschi-waschi").
Nach insgesamt dreistündiger Fahrt erreichen wir die Brücke in Brauhaus (Straße
Gföhl - Albrechtsberg), wo Gerhard abbricht (die Fahrt natürlich), da er einen
zwar tiefgekühlten, aber dennoch keinen frischen Eindruck mehr macht.
Mike
und ich stürzen uns über die folgende Genussstrecke, die 1965 noch mit WW IV-V
und zwei unfahrbaren Gefällstufen beschrieben worden ist. Heute ist diese
Wildwasserperle des Waldviertels auch bei Superwasserstand realistisch mit WW
II-III einzustufen, entsprechend dem Erzbach, aber landschaftlich weit
urtümlicher. Am „Zwickl" mündet von rechts die Kleine Krems, die Stauwehr muss
rechts umtragen werden. Die folgenden 4 km liegen im Sommer trocken, heute ist
das Bachbett randvoll. Auch die spektakuläre Stufe (WW III+) wird rasant
genommen, dann ist bald die Ausstiegstelle beim Kraftwerk Hohenstein erreicht.
Der Pegel in Imbach zeigt 188 cm, aber schon ab 180 cm (Schneeschmelze März) ist
die Strecke Großreinprechts - Kraftwerk Hohenstein (17 km) wärmstens zu
empfehlen! Tage darauf versinkt das Waldviertel wieder in Schnee und Kälte,
unsere Flüsse erstarren unter schweren Eispanzern. Erst Ende Jänner naht die
nächste Warmfront. Samstag abends verabschieden wir einen unserer Besten in den
Hafen der Ehe; die turbulente „Trauerfeier" verlangt am nächsten Tag eine
Abkühlung. Der Kamp ist kräftig angeschwollen, riesige Eisplatten treiben
flussab.
Wir beschließen, wieder ein „Projekt" in Angriff zu nehmen, den
Oberlauf der Pulkau. Der 4-6 m breite Bach durchbricht vor der
gleichnamigen Ortschaft in einem wunderschönen engen Tal den „Thayagranit", um
anschließend als trostloser regulierter Vorfluter durch das Weinviertel zu
ziehen. Unser Tal ist Landschaftsschutzgebiet und beliebte Wanderroute, wir aber
starten heute bei der „Schwarzen Brücke" nach Theras zur Erstbefahrung. Der
Eisstoß hat den Bach mit Gewalt ausgeräumt, das Ufergehölz ist bis 1 m Höhe
abgeschabt. Bei sehr guter Wasserführung pirschen wir uns vorwärts. Viermal
müssen wir allerdings doch kurze Eisstaue umtragen, einige Bäume bereiten
Schwierigkeiten. Nach der Ruine Neudegg steigt das Gefälle auf 14 Promille, der
enge Bach wird flott bei zunehmender Verblockung zum Teil durch Eisschollen (bis
WW III).Nach 8 km erreichen wir ohne besondere Zwischenfälle Pulkau, wo uns
einige Zuschauer begeistert empfangen. Sogar einen Pegel entdecken wir, er zeigt
175 cm, gut 50 cm mehr als im Sommer. Bei einigen Gläsern Pulkauer Wein feiern
wir unsere Erstbefahrung, die allerdings nur für Liebhaber zu empfehlen ist. Als
wir zur Heimfahrt aufbrechen, ist die Straße schon wieder vereist. Es war ein
schöner Jänner, der Februar gehört wieder dem Winter!
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| Purzelkamp |
Pulkau |
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